Geschichtsrelativierung: Die Nazi-Vergleiche der Querdenker

Geschichtsrelativierung: Die Nazi-Vergleiche der Querdenker

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Geschichtsrelativierung ist gefährlich. Sie hindert uns daran, aus der Vergangenheit zu lernen. Oftmals verharmlost sie zudem unmenschliche Taten und große Fehler. Das eigene Leben in unserer freiheitlichen und komfortablen Gesellschaft mit dem schier unfassbaren Leid der Holocaust-Opfer gleichzusetzen, ist einfach unerträglich. Dies ist eine von grausamem Zynismus, den ich so nicht hinnehme.

Geschichtsrelativierung: Die Nazi-Vergleiche der Querdenker

Ungeimpfte sind keine Opfer!

Die Selbstinszenierung als Opfer manifestiert sich zunehmend mehr in der Querdenker-Szene. Anlass für diesen Beitrag ist ein für mich unerträglicher Holocaust-Vergleich einer ehemaligen Followerin. Schon länger fiel sie mir auf Instagram durch einschlägige Storys im Sinne der Querdenker-Szene auf. Doch nun ging die Selbststilisierung zum angeblichen Opfer wie einst das Schicksal der Juden im Dritten Reich zu weit. Ich habe sie blockiert.

>> Hier findet ihr meinen heutigen Beitrag zum Thema auf Instagram!

Ich frage mich, warum Menschen in unserer Gesellschaft sich anmaßen, ihr Leben mit dem großen Leiden der Opfer des Nationalsozialismus gleichzusetzen. Diese Form der Geschichtsrelativierung geht einfach zu weit.

Umgeimpftsein ist kein Schicksal

In der Querdenker-Szene treten vermehrt Nazi-Vergleiche zutage. Ich habe kein Verständnis dafür, wenn ungeimpfte Menschen davon reden, Opfer wie die Juden im Holocaust zu sein. Diese Aussage ist nicht nur abartig zynisch. Zudem hinkt der Vergleich auch vom ersten Gedanken an.

Sich in diesen Zeiten der Covid-Pandemie nicht impfen zu lassen, ist zumindest in unserem Land eine komplett freiwillige Entscheidung. Die wenigen medizinischen Einzelfälle, für die eine Impfung nicht infrage kommt, klammere ich hier aus. Das sind in der Regel aber auch nicht die Menschen, die wir bei Impfgegner- und Corona-Demonstrationen sehen.

Impfstoff steht mittlerweile in ausreichendem Maß zur Verfügung und jeder in Deutschland hat Zugang zur Impfung. Diese ist kostenlos und millionenfach erprobt. Wer mehr über Bedenken zur Impfung lesen möchte, dem empfehle ich >> diesen Beitrag über Falschinformationen zur Corona-Impfung.

Folgerichtig ist es eine rein persönliche Entscheidung, sich in die Gruppe der Ungeimpften zu begeben, denn es ist ein freiwilliger Beschluss. 

Geschichtsrelativierung: Die Nazi-Vergleiche der Querdenker

Hinkende Vergleiche & gefährliche Geschichtsrelativierung

Die von dem Nazi-Regime verfolgten Menschen erlitten grausamste Schicksale. Der größte Teil der Opfer waren Juden. Hinzu kommen zudem Sinti und Roma, Homosexuelle und Menschen mit Behinderung. Nichts davon ist eine Entscheidung, sondern eine Frage der Geburt, der Veranlagung und des Schicksals. Sich als Impfgegner als die neuen verfolgten Juden zu verstehen, ist unerträglich zynisch. Selten habe ich eine so schlimme Geschichtsrelativierung wie diesen Nazi-Vergleich erlebt.

Der falsch verstandene Freiheitsbegriff

Hinzu kam im NS-Regime auch eine Verfolgung politisch Andersdenkender. Wir leben allerdings in einer freiheitlichen Demokratie, weshalb es eben auch eine Meinungsfreiheit gibt. Diese ist ein wertvolles Gut. Ein Freiheitsrecht, von dem Impfgegner und Verschwörungstheoretiker derzeit eifrig Gebrauch machen. Es steht jedem frei, seine Meinung zu äußern. Dies gilt, solange dies so geschieht, dass niemand anderes dadurch in Gefahr gerät.

Es führt an dieser Stelle zu weit, Argumente für Abstandsregeln und Maskenpflicht anzuführen. Uns allen wäre ein Leben ohne all diese lästigen Maßnahmen lieber, aber das Virus existiert. Eine absolute Freiheit ist in keiner humanen Gesellschaft möglich. Die eigene Freiheit endet da, wo sie den anderen gefährdet. Wir benötigen Regeln der Rücksichtnahme, die vulnerable Gruppen schützen. Dieses Gedankengut der Aufklärung ist die Grundlage unserer Gesellschaftsordnung. Dies ermöglicht uns erst ein respektvolles und humanes Zusammenleben. Nur so ist ein friedliches und zudem menschliches Miteinander möglich. 

Erschreckende Geschichtsrelativierung durch irrationale Vergleiche

Vor mehr als 80 Jahren, in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten die Synagogen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Antisemitismus offizielles Programm. Bereits in dieser Nacht misshandelten die Nazis Tausende von  Jüdinnen und Juden schwer, verhafteten sie oder töteten sie sogar. Auch Menschen aus der Zivilbevölkerung beteiligten sich daran.

Die Einschränkungen in der Pandemie

Die Pandemie erfordert zur Eindämmung der Verbreitung und zum Schutz der Menschen gewisse Einschränkungen. Diese betreffen aber nicht nur ungeimpfte Menschen. Und diese sind nicht das bedauernswerte und einzige Ziel von willkürlichen Beschränkungen. Regeln und Beschlüsse sind dafür da, einen möglichst glimpflichen Verlauf dieser Corona-Pandemie zu gewährleisten.

Vor allem im Nachhinein zeigt sich auch, dass manche Verordnung nicht optimal war. Manchmal zu hart, oftmals auch zu lässig. Für uns alle ist die Situation neu und Patentrezepte existieren nicht. Wir hangeln uns von einem Erfahrungswert zum nächsten.

Aber auch geimpfte Menschen sehen sich mit Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen konfrontiert. Dies vergessen viele, die sich gerne in die Opferrolle flüchten. Für uns alle gibt es Abstandsregeln, Zugangsbeschränkungen und auch Hygienemaßnahmen. Manche sind nach Impfstatus gestaffelt. Dies geschieht, um eine grenzenlose Ausbreitung der Infektionen, Krankheitsfälle und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. 

Regeln für alle, nicht für Ungeimpfte

Eine grenzenlose Freiheit für Geimpfte und eine totale Beschränkung für Ungeimpfte existiert überhaupt nicht! Somit besteht auch nicht eine Gruppe von Tätern und eine andere von Opfern. Es geht darum, Regeln zu finden, mit denen wir möglichst gut diese Pandemie überstehen. 

Zynische Opferanmaßung & Geschichtsrelativierung

Sich wegen einiger Verhaltensregeln oder einer möglichen Impfpflicht mit den Opfern des Holocaust zu vergleichen, ist unerträglich. Wie kommen Querdenker dazu, sich als qualvoll Leidende zu deklarieren? Was empfindet ein Opfer des Nationalsozialismus oder deren Angehörige angesichts solcher Geschichtsrelativierung?

Meine persönliche Geschichte zum Holocaust

Meine beste Freundin Katharina aus der Grundschulzeit ist vor kurzer Zeit gestorben. Wir hatten uns bereits lange aus den Augen verloren. Aber ihr Tod hat mir wieder viele Erinnerungen zurückgebracht. Ich erinnere mich daran, dass mitunter Katharinas Oma zu Besuch war. Eine Frau, die so gebückt und klein war, dass ich sie bereits mit acht Jahren überragte. Andere Verwandte kamen nie. Auf Familienfeiern gab es keine Cousinen oder Cousins meiner Freundin wie bei mir. Niemals waren Tanten und Onkel zu Besuch. Erst als ich älter war, begriff ich, warum. Es gab keine. Katharinas Mutter und ihre Oma waren die beiden einzigen Überlebenden der Familie. Die Gestapo holte sämtliche Brüder und den Vater ab und ermordeten alle. Katharinas Oma war mit der Tochter gerade unterwegs, als dies geschah. Sie tauchten dann unter und überlebten durch ihren Mut, ihre Tapferkeit und großes Glück.

Geschichtsrelativieung mit Anmaßung und Zynismus

Menschen wie Katharinas Familie in der Zeit waren unschuldige Opfer. Verfolgt, gequält, gefoltert und ermordet, weil sie einer bestimmten Gruppe angehörten. Selbst noch in meiner Kindheit hatte diese Familie Angst, offen über ihre Abstammung zu sprechen. Die Angst vor Verurteilung, Ausgrenzung oder Schlimmerem war stetig präsent. Wie kommen Menschen in unserer Gesellschaft dazu, sich mit diesen Opfern gleichzusetzen?

Ja, vielleicht ist ein ungeimpfter Mensch derzeit nicht in der Lage, seine Pizza im Restaurant beim Italiener zu essen. Jedem ist es aber erlaubt, zum Lokal gehen und sich die gleiche Pizza abholen oder sie liefern lassen. Als nicht geimpftes Mitglied unserer Gesellschaft werde ich nicht angespuckt, verprügelt und verschleppt. Niemand reißt Ungeimpften die Kinder aus den Armen und bringt sie vor deren Augen um. Sie leisten keine Zwangsarbeit oder verhungern. Querdenker und Impfgegner besitzen ein Demonstrationsrecht. Hierfür herrschen nur gewisse Regeln, die aber auch für jede andere Demonstration gelten. Abstandsregeln und Maskenpflicht sind keine willkürlichen Unterdrückungsmaßnahmen. Sie dienen unserem Schutz.

Ein ungehöriger Opfer-Vergleich

Dieser Vergleich mit Juden und Opfern der Shoa ist so ungehörig, dumm und schlimm, dass ich dafür kaum mehr Worte finde. Fast bedaure ich solche Menschen für ihren mangelnden Verstand. Aber nur beinahe, denn Mitleid verdienen sie wohl kaum. Mitleid, Verständnis, Achtung und Anerkennung des Leids verdienen Menschen, die direkt oder indirekt Opfer des Holocaust sind. Die Folgen dieser Taten und dieser Zeit wirkt bis heute fort, traumatisiert noch immer Familien und verursacht Leid.

Fehlgeleitete Menschen ohne Einsicht

Leider ist es kaum möglich, Menschen, die in den Strudel der Querdenker-Szene geraten sind, noch rational zu erreichen. Ich habe dieser Followerin geantwortet und ihr dabei sachlich meine Argumente genannt. Zudem habe ich natürlich geäußert, dass es einfach unangemessen ist, sich mit solchen Opfern zu vergleichen. Es war nicht möglich, ihr klarzumachen, wie gefährlich zudem diese Art von Geschichtsrelativierung ist. 

Es kamen bereits gewohnte Reaktionen, in denen sie mich als uninformiertes staatsgläubiges Opfer darstellte. Das steigerte sich zu einem wirren Wust von Sprachnachrichten voller absurder Fake News und Verschwörungstheorien. Es war die Rede von bereits gebauten Konzentrationslagern in Australien für Ungeimpfte und mehr wahnwitzige Dinge. Da frage ich mich, was bringt Menschen dazu, gedanklich so entgleisen und derart den Boden unter den Füßen verlieren?

Geschichtsrelativierung: Die Nazi-Vergleiche der Querdenker

Augen auf bei Geschichtsrelativierung, Antisemitismus, Rassismus & Diskriminierung

Offener und verdeckter Antisemitismus und Rassismus lauert in vielen Ecken unserer Gesellschaft. Wie sind wir in der Lage, etwas dagegen zu tun? Der erste Schritt ist es, nicht wegzusehen. Zivilcourage ist vonnöten. Nicht wegsehen, wenn keiner der Frau mit dem Kinderwagen hilft, weil diese ein Kopftuch trägt. Widersprechen, wenn Menschen diskriminierende Begriffe verwenden oder abfällig über Bevölkerungsgruppen reden. Geschichtsrelativierung und Nazi-Vergleiche wie derzeit in der Querdenker-Szene sind gefährlich. Sie sind selbst wie ein schlimmer Virus, der sich festsetzt und durch die Gesellschaft frisst. Nicht wegsehen und schweigen, wenn Menschen sich derart äußern. Das sind wir den Opfern der Geschichte und auch uns schuldig.

Wie denkt ihr über Phänomene wie diese Form der Geschichtsrelativierung und solcher Vergleiche? Habt ihr ähnliche Dinge auch bereits in eurem Umfeld erlebt?

Ich freue mich auf eure Meinungen!

EUER STYLEPEACOCK

CHRIS

 

PS: Wie gehe ich mit Impfgegnern im Freundeskreis um? Einen spannenden Beitrag hierzu findet ihr bei Andrea Funk @andysparkles

 

 

Fotos: @andysparkles

ManoMano

4 Kommentare zu „Geschichtsrelativierung: Die Nazi-Vergleiche der Querdenker“

  1. Was für ein toller Beitrag! Ich bin genau deiner Meinung. Auch ich hatte so ein Followerin, die mit Nazi Vergleichen kam. Ich habe ihr empfohlen, eine Reise nach Auschwitz zu unternehmen und ein wenig an der Geschichte teilhaben. Ich habe es als junges Mädchen gemacht und diese Bilder vergisst man nie. Es ist Dummheit und Unverschämtheit von den Menschen, die Zeiten und Lebensqualität zu vergleichen. Ich bin aber froh, dass es immer noch Leute gibt, die es genauso sehen wie du. Liebe Grüße!

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